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Der unbesungene Held der Quantenphysik

Ein Symposion erinnert an Pascual Jordan, der die neuen Gesetze auch in die Biologie einbringen wollte

Von Rainer Scharf
 
Heisenbergs Unschärfebeziehung, der Quantencomputer oder die Bose-Einstein-Kondensation sind es vor allem, die die Faszination der inzwischen fast achtzig Jahre alten Quantentheorie ausmachen. Ihre Schöpfer - die Physiker Werner Heisenberg, Max Born, Pascual Jordan, Paul Dirac, Erwin Schrödinger und Wolfgang Pauli - wurden mit einer Ausnahme mit dem Nobelpreis geehrt. Nur Pascual Jordan ging leer aus und steht heute im Schatten seiner berühmten Kollegen. Ein Symposion, das die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz gemeinsam mit den Max-Planck-Instituten für Gravitationsphysik in Golm und für Wissenschaftsgeschichte in Berlin veranstaltet hat, erinnerte an diesen bedeutenden, aber ebenso auch umstrittenen Forscher.

Zusammen mit Heisenberg und Pauli war der 1902 in Hannover geborene Forscher eines der Wunderkinder der Quantenphysik. Als junger Assistent von Max Born in Göttingen erkannte er die Bedeutung von Heisenbergs epochaler quantenmechanischer Arbeit vom Juli 1925. Nur drei Monate später veröffentlichten Born und Jordan ihren ersten Beitrag "Zur Quantenmechanik", dem im selben Jahr noch ein zweiter, gemeinsam mit Heisenberg verfaßter folgte. Mit seinen großen mathematischen Fähigkeiten gelang es Jordan, Heisenbergs zunächst noch dunklen Ideen eine klare und präzise Form zu geben.

Im Gegensatz zu Born und Schrödinger wollten die jüngeren Physiker wie Jordan und Heisenberg die Quantenmechanik nicht aus der klassischen Physik heraus entwickeln, betonte Karl von Meyenn von der Universität Ulm auf dem Mainzer Symposion. Ihnen war klar, daß sie wissenschaftliches Neuland betreten mußten, um die Welt der Quanten zu verstehen. So hat Jordan im Anschluß an Dirac den irritierenden Dualismus der Materie, die sowohl Wellen- als auch Teilchencharakter haben kann, durch die revolutionäre Einführung von quantisierten Materiefeldern überwunden. Auf diesen Ideen beruht die Elementarteilchenphysik, und auch die moderne Festkörperphysik greift darauf zurück. In rascher Folge veröffentlichte Jordan, zum Teil gemeinsam mit Oscar Klein, Eugen Wigner und Wolfgang Pauli, wichtige Arbeiten zur Quantisierung von Feldern, berichtete Jürgen Ehlers, der emeritierte Direktor des Albert-Einstein-Instituts in Golm und Schüler Jordans. Insbesondere zeigten Jordan und Pauli 1927 am Beispiel des ladungsfreien elektromagnetischen Feldes, wie sich die Quantentheorie mit der Struktur des Raumzeitkontinuums der Einsteinschen Relativitätstheorie in Einklang bringen läßt.

Alle damaligen Arbeiten zur Quantenfeldtheorie hat Jordan offenbar nur als etwas Vorläufiges angesehen. Wie Bert Schroer von der Freien Universität Berlin berichtete, hat Jordan 1929 in einem Kongreßvortrag in Charkov betont, daß die neue Theorie ohne die Krücken der klassischen Physik auskommen und ganz aus sich selbst heraus neue Wege finden müsse. Trotz der enormen Fortschritte, die die Quantenfeldtheorie bis heute gemacht hat, konnte Jordans Forderung noch nicht eingelöst werden. Daß die Theorie noch immer nicht die Krücken der klassischen Physik ablegen konnte, wird unter anderem bei den Schwierigkeiten deutlich, die man mit der Quantisierung des Gravitationsfeldes hat.

Intensiv hat sich Jordan auch mit den möglichen Auswirkungen der Quantentheorie auf die Biologie beschäftigt, wie Richard Beyler von der Portland State University darlegte. Jordan schwebte eine "Quantenbiologie" vor, in der atomare, quantenmechanische Vorgänge eine große Bedeutung für die Lebensprozesse haben. Er griff dazu die 1922 vom Röntgenphysiker Friedrich Dessauer entwickelte Treffertheorie auf. Ihr zufolge führen Licht- oder Teilchenstrahlen, die auf sensible Bereiche einer Zelle treffen, zu Mutationen oder zum Tod der Zelle.

In diesen Fragen hat Jordan mit dem Genetiker Nikolai W. Timoféef-Ressovsky am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Buch zusammengearbeitet. Jordans Vorstellung, daß unvorhersagbare atomare Prozesse durch biologische Organismen gewissermaßen verstärkt werden und auf diese Weise ebenfalls unvorhersehbare makroskopische Wirkungen entfalten können, ist indes schon seinerzeit von Biologen kritisiert worden. Zellen oder Organismen erwiesen sich nämlich als überraschend unempfindlich gegen Störungen durch einzelne atomare Prozesse. Ein Grund dafür liegt in der Fähigkeit der Gene, sich nach Schädigung selbst zu reparieren.

Mit seiner letztlich gescheiterten Quantenbiologie hat Jordan versucht, die Unbestimmtheit und Unvorhersagbarkeit der atomaren Prozesse auf die Ebene der Organismen zu übertragen. Auf diese Weise wollte er "materialistische", das heißt deterministische Erklärungen des Lebens widerlegen. Im Zusammenhang mit seinen Überlegungen zur Biologie trat die Weltanschauung Jordans, der 1933 in die NSDAP und in die SA eingetreten war, besonders deutlich zutage. Beyler wies darauf hin, daß Jordan die lebende Zelle mit ihrem Kontrollzentrum als Metapher für den nationalsozialistischen Staat mit seinem Führer sah. Tote, unstrukturierte Materie setzte er mit der parlamentarischen Demokratie gleich, deren Lebensfähigkeit er dann auch bestritt. Trotz seiner in Schriften und Büchern offen ausgedrückten nationalsozialistischen Einstellung machte Jordan im Dritten Reich keine Karriere. Von 1929 bis 1943 hatte er lediglich eine Professur in Rostock. Erst 1943 erhielt er, mit Heisenbergs Hilfe, einen Ruf nach Berlin auf den Lehrstuhl Max von Laues. Nach dem Krieg bekam Jordan dank der Fürsprache von Wolfgang Pauli eine Professur in Hamburg, allerdings erst 1947. Hier konnte er seine wissenschaftliche Arbeit - von ideologischem "Ballast" befreit - fortsetzen.

Doch auch in der Bundesrepublik blieb Jordan ein politischer Mensch, wie Arne Schirrmacher vom Deutschen Museum in München aufzeigte. Wahrscheinlich auf Betreiben Adenauers erhielt der Forscher bei der Bundestagswahl 1957 einen sicheren Platz auf der Niedersächsischen Landesliste der CDU, für die er von 1957 bis 1961 im Bundestag saß. Während des Bundestagswahlkampfes griff er die "Göttinger Achtzehn" in verletzender Weise an. Diese Gruppe von Atomwissenschaftlern um Otto Hahn, Max Born, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hatte sich offen gegen Adenauers Pläne ausgesprochen, die Bundeswehr atomar zu bewaffnen.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit widmete sich Jordan unter anderem kosmologischen Fragen. In Hamburg rief er 1954 ein Seminar über die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins ins Leben, wie Jürgen Ehlers berichtete. Dadurch wurde dieses wichtige Forschungsgebiet in Deutschland wiederbelebt, und zugleich wurde einer neuen Wissenschaftlergeneration Kontakte mit Forschergruppen mit Ausland eröffnet. Seine Schüler erlebten ihn als einen anregenden und fürsorglichen Lehrer. Wenn in Pascual Jordans Wirken große wissenschaftliche Leistungen anerkennt werden und daneben viele seiner politischen Äußerungen Bestürzung hervorrufen, so liegt darin nicht die Aufforderung zum moralischen Urteilen, sondern zum Bedenken des eigenen Handelns, meinte Ehlers abschließend über seinen Lehrer, der 1980 in Hannover gestorben ist. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003, Nr. 263 / Seite N2

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